Reifenabrieb zählt weltweit zu den größten Quellen von Mikroplastik – mit Folgen für Böden, Luft und insbesondere Gewässer. Das Forschungsteam der Hochschule Fresenius fasst gemeinsam mit internationalen Partnern den aktuellen Forschungsstand zusammen und zeigt: Reifenabrieb und die darin enthaltenen Stoffe können ökologische Risiken bergen, während zugleich noch große Wissens- und Datenlücken bestehen.
Konzept der Studie
Das Forschungsteam sichtete für die Literaturstudie über 300 wissenschaftliche Publikationen. Im Fokus standen sowohl die sogenannten Reifen- und Straßenabriebspartikel (tire and road wear particles, TRWP) als auch chemische Substanzen (Reifeninhaltsstoffe), die daraus ausgewaschen werden können („Leachables“). 130 Publikationen enthielten konkrete Expositions- oder Gefährdungsdaten, die im Rahmen der Studie ausgewertet wurden. Ziel war es, die Daten zusammenzuführen, die Eignung bestehender Bewertungsrahmen – etwa aus der Mikroplastikforschung – zu prüfen und eine erste Risikoeinschätzung für verschiedene Umweltkompartimente vorzunehmen.
Zentrale Ergebnisse
- Hohe Eintragsmengen: In Europa entstehen jährlich mehrere hunderttausend Tonnen Reifenabrieb, die über Straßenabfluss, Lufttransport oder Schneeschmelze in Böden und Gewässer gelangen.
- Negative Effekte: Besonders kritisch sind lösliche Reifenbestandteile wie Antioxidantien (zum Beispiel 6PPD-Quinon), die schon in geringen Konzentrationen toxische Effekte bei Fischen und wirbellosen Tieren hervorrufen können.
- Partikel mit geringerem Risiko: Für reine Reifenpartikel zeigt sich nach aktueller Datenlage ein vergleichsweise geringes ökologisches Risiko, solange keine zusätzlichen Stoffe ausgewaschen werden.
- Forschungslücken: Für marine und terrestrische Ökosysteme sowie für Transformationsprodukte fehlen belastbare Daten. Standardisierte Methoden für Expositions- und Toxizitätstests sind bislang nicht etabliert.
- Anpassung bestehender Bewertungsrahmen: Da Reifenabrieb Partikel- und stoffliche Risiken vereint, reichen klassische Mikroplastik-Bewertungsansätze nicht aus.
Bedeutung für Hessens Wasserzukunft
Auch wenn die Übersicht international angelegt ist, sind die Ergebnisse für Hessen relevant. Als dicht besiedeltes und verkehrsreiches Bundesland sind hessische Gewässer in besonderem Maße von Einträgen aus dem Straßenverkehr betroffen. Für die Umsetzung der Wasserrahmenrichtlinie, die bis 2027 einen „guten ökologischen Zustand“ fordert, rückt Reifenabrieb damit stärker in den Fokus. Die Studie macht deutlich:
- Kommunen und Straßenbaulastträger müssen Abflusssysteme besser auf den Rückhalt von Reifenpartikeln und -chemikalien ausrichten.
- Abwasserinfrastruktur kann ein Schlüssel sein, um Schadstoffe bereits vor Einleitung in Gewässer zurückzuhalten. Hier sollten Technologien zur Qualifizierung bestehender Anlagen entwickelt werden aber auch neue Infrastrukturen wie die blau-grüne auf ihre Rückhaltfähigkeit überprüft werden.
- Forschung und Monitoring sollten Einträge aus z.B. Straßenrandgräben gezielt untersuchen, um Risiken für Flüsse, Bäche und Grundwasser konkret zu bewerten.
Die Literaturübersicht macht die negativen Effekte von Reifenabrieb deutlich und zeigt zugleich den Bedarf an weiteren Forschungsarbeiten auf. Aus Sicht des KWH zeigen die Ergebnisse: Ohne gezielte Maßnahmen zum Umgang mit Reifenabrieb (als Teil von Straßenabläufen) wird es schwierig sein, die Ziele der Wasserrahmenrichtlinie und damit einen guten ökologischen Zustand unserer Gewässer zu erreichen.
Die vollständige Studie „Risk assessment of tire wear in the environment – a literature review“ ist online verfügbar.
Das derzeit laufende lokale Projekt „RAseR – Reifen- und Straßenabrieb und reifenbürtige Stoffe in der aquatischen Umwelt: Ausgewählte Expositionsszenarien und Rückhaltungsoptionen“ nutzt die Ergebnisse der Studie, um Informationen über die Situation in Hessen zu sammeln und wichtige Impulse für die lokale Praxis zu liefern.
Partner:
- Hochschule Fresenius – Institut IFAR
- Kompetenzzentrum Wasser Hessen
- Stantec Consulting Services, USA
- ToxStrategies LLC, USA
- Ecotox Centre, Schweiz
- Ecole Polytechnique Fédérale de Lausanne (EPFL), Schweiz